[Perry Rhodan 3045] Mörder des Residenten

Lesezeit circa: 9 Minuten

Attentat im Solsystem – Reginald Bull steht im Brennpunkt.

Mörder des Residenten Cover
© Pabel-Moewig Verlag KG

Titel: Mörder des Residenten
Autor: Hubert Haensel
Titelbild: Arndt Drechsler
Erschienen: 28. Dezember 2019

Zur Handlung

Aus dem mentalen Tagebuch des Cairaners Guulmen Cutthunese: dessen eindrückliche Schilderungen, wie im Jahre 1572 NGZ der damalige Resident der Liga freier Galaktiker, der Ferrone Hekéner Sharoun noch vor Verschwinden Terras und Lunas ermordet wird. Hierfür körperlich in die Gestalt mit den Gedanken eines Terraners umoperiert, wird Cutthunese dem Vecuianischen Geleitzug in die Milchstraße vorausgesandt.

Nach der Eingrenzung der Zielpersonen von Homer G. Adams, Reginald Bull und Cai Cheung auf den amtierenden Residenten arbeitet der „Terraner“ in der Identität Enaut Oramu mit ferronischen „Systemikern“ zusammen, die ebenfalls den ferronischen Residenten als terranische Marionette töten und eine terradominierte LFG zerschlagen wollen. Die Systemiker für sich ausnutzend, gelingt sein Selbstmordanschlag und Cutthunese wie Sharoun sterben.

Erst 2046 NGZ kann davon schwer mitgenommener Reginald Bull aus den gewonnenen Tagebucheinträgen viele offene Fragen klären und so den Zusammenbruch galaktopolitischer Ordnung damaliger Zeit richtig begreifen.

Die Drei Ultimaten Beobachtungen

1. Tod des Residenten in Präraptischer Phase

Vor Lektüre und noch am Anfang war mir unklar, wieso der Tod allein dieses einen Lebewesens derart tief greifend zersetzende Auswirkungen auf die Liga freier Galaktiker, ja das Zusammenleben in der Milchstraße insgesamt gehabt haben soll. Ich dachte in dem Zusammenhang nämlich 700 Jahre zurück ans Handlungsjahr 1344 NGZ und die Vorboten des Chaos, die die Aufbaukonferenz der Völker gestürmt hatten und von den 300 Delegationen zwei Drittel der Anwesenden brutal umbrachten; darunter auch den Ersten Terraner der LFT Maurenzi Curtiz. Damals nur ein Jahrzehnt nach dem einschneidenden Einsetzen der Hyperimpedanz-Erhöhung war das Gros der relevanten Völker enthauptet und führungslos und die Terminale Kolonne TRAITOR konnte die Milchstraße in den Würgegriff als Ressourcengalaxie nehmen und die TZRAITOR-Direktive durchsetzen.

Rund 230 Jahre später erinnert das doch auffallend an die Situation von 1572 NGZ, nur dass die Cairaner völlig anders vorgegangen sind. Quasi durch die Hintertür über 500 Jahrhunderte unerkannt geblieben, schlugen sie nicht als Gruppe, sondern mit Namen und in Gestalt eines einzigen Terraners zu. Zeitweise noch die Solare Premier Cai Cheung sowie beide greifbaren Zellaktivatorträger Reginald Bull sowie Homer G. Adams im Visier, reicht es letztlich, nur den Residenten der Liga freier Galaktiker umzubringen, um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Ein höchst fragiles Kartenhaus, in das Guulmen Cutthunese gezielt geschickt wurde: Die Auswirkungen der Expyrosis von GA-yomaad allseits zu spüren und kaum weitreichend einzudämmen, wird das Solsystem seit 1556 NGZ zunehmend von hyperphysikalischen Effekten zerrüttet: Sogenannte Singularitätsstreifen und Hyperlokalisationswürfel machen höherdimensionale Transporte von Lebewesen wie Waren rund um Terra stetig gefährlicher und lassen die Heimat der Terraner in Präraptischer Phase nicht mehr als sicher erscheinen. Im Zuge dessen wird die symbolträchtige Solare Residenz als Sitz des LFG-Residenten aufs ferne Rudyn versetzt. Die psychosomatisch teils schweren Wirkungen des Weltenbrands treffen als Dauerphänomen nun also auch noch auf politische Veränderungen großen Ausmaßes, die wie immer mit weiteren Unsicherheiten einhergehen. Das Zentrum des Staatenbundes erodiert. Die Systemiker Ferrols dürften hier nur ein schlagendes Beispiel für ähnliche Bewegungen sein, die sich in der Not auf diese Weise nur noch helfen zu können glauben.

Dass hier ein einziger Funke ausreicht, die allseitigen Anspannungen entflammen zu lassen, ist mir beim Lesen immer deutlicher geworden. Hätte mit dem Anschlag auch Bull den Tod gefunden – und er war sehr kurz davor -, dann hätte das den Effekt sicher noch potenziert und den weiteren Geschichtsverlauf auch radikal geändert. Aber notwendig war das nicht. Auch so reichte es, dass gerade einmal 26 Jahre nach Gründung der LFG (1546 NGZ) deren Kopf abgeschlagen wurde, um die Galaxis in ihren Grundfesten nachhaltig zu erschüttern.

Während TRAITOR jedoch unverzüglich nach ihrem Anschlag die Macht in der Milchstraße an sich riss und niemals behauptete, jemandem etwas Gutes damit zu tun, haben die Cairaner es völlig anders aufgezogen: Erst gut 100 Jahre später offiziell auf der Bildfläche erschienen (1692 NGZ), boten sie den verunsicherten und wohl vielfach im Krieg liegenden Völkern im Schoße des „Friedensbundes“ Schutz und Sicherheit, notfalls vor den kurz zuvor piratisierend aufgetauchten Ladhonen. Während sie gleichzeitig aber mit unerbittlicher Außenhand Querulanten auf die Ausweglosen Straßen schicken und so teils ganze planetare Bevölkerungen auslöschten, treiben sie insgeheim ihr Trajekt voran. Was ist besser für die Galaktiker?

2. Systemiker – „Ferrol den Ferronen!“

Etwa 20 Handlungsjahre vor Beginn dieses Romans hatten auf einer onryonischen Dunkelwelt heimische „Revisionisten“ sich bereits energisch gegen terranische Dominanz erwehrt, Dunkelwelten 1 „Schwarze Saat“. Und in 3024 „Der Geist von Hellgate“ wenden sich einige gegen die LFG, gerade weil diese von einem ZAC-Träger angeführt wird und „die Anwesenheit von potenziell Unsterblichen die Neigung zu Konservatismus“ fördere und die Entwicklung von Völkern ausbremse. Wir bekommen also vielfach vorgeführt, wie viele Vorbehalte es gegen Terra und deren politische Hegemonie es gibt. Damit greift man – durchaus mutig – reale Gegebenheiten nationalisierender Kräfte auf, „rhodanisiert“ sie gekonnt und spinnt gehaltvolle Handlung drumherum.

Dass in diesem Fall die ferronischen Systemiker – „Ferrol den Ferronen!“ – genau dann aktiv werden, als sich die Liga freier Terraner ausdrücklich zur Liga freier Galaktiker weitet und erstmals kein Terraabkömmling, sondern „einer von ihnen“ das höchste Amt bekleidet, entbehrt nicht bitterer Ironie. Und dass sie zuschlagen, als das Solsystem und die terranische Heimat aufgrund hyperphysikalischer Umstände an Bedeutung einbüßt und der LFG-Sitz nach Rudyn (zugegeben alte terranische Kolonie) verlegt wird, macht es kaum noch verständlich, wieso man die Sache sich nicht entwickeln lässt. Statt Hekéner Sharoun für spezifische Interessen Ferrols zu gewinnen und sie auf die Tagesordnung setzen zu lassen, will man ihn ermorden. Und das mittels eines Gols, eines der urheimischen, vom Aussterben bedrohten Lebewesen aus dem Wegasystem. Diesen will man als Bombe missbrauchen und in seiner Würde als durchaus intelligentes Wesen entmündigen. Indem man also sozusagen ferronisches Kultur- und Naturgut mit Füßen tritt und den amtshöchsten je aktiven Ferronen umbringen will, meint man, nichts als Gutes für das ferronische Volk bewirken zu können. Ja ne, is kla … Anschaulich “eine Lektion dazu, wohin politischer Fanatismus führen kann …“

Und der Treppenwitz der Geschichte: Die Anführerin Tia Ahaner tut sich – freilich nicht gewusstermaßen – mit dem Vorboten alles dominierenden cairanischen Friedenbunds gegen die Terraner zusammen, obwohl sie einsieht: “Nicht alle Terraner sind wirklich schlecht.“ Zusammen mit Cutthunese aka Enaut Oramu, der sich für ferronische Belange nur als bloßes Mittel zu seinem Endzweck zeitweise interessiert. Und so wie die Systemiker hintergehen wollen zur Durchsetzung ausschließlich ihrer Absichten, so hintertreibt der cairanische Todesbote sie – zuerst sie, dann Sharoun sterben und nur Guulmen Cutthunese findet im Tod seine Erfüllung, den Weg für die Vorherrschaft der Cairaner geebnet zu haben.

3. Guulmen Cutthunese – hinkünftig treusorgender Familienvater

Zuerst die intensive Darstellung, dass und wie sehr Cutthunese als Agent präpariert wurde, nämlich buchstäblich mit ganzem Körper. Die Beine um 50cm gekürzt, um mit 2m etwa Terranermaß zu haben; zwei der vier Hände amputiert und die verbleibenden und je einen Daumen verstümmelt; „wabbelig weiche Terannerlippen“, die ihn „mehr stören als alles andere“; statt haarlos nun üppiges Haupthaar. Kurzum: Physisch ist es nicht mehr Guulmen Cutthunese, umso weniger da er auch noch mittels zweier integrierter Organoide über terranische Gedanken (Redewendungen usw.) sowie eine im Magen befindliche Waffen- und Funkkammer verfügt. Kein Terraner, vielmehr ein hochgerüsteter Android. Und doch fühlt man durch die genaue Schilderung seiner Umwandlung mit ihm.

Und obwohl Cutthunese ins Trajekt eingeweiht ist und zu den höchsten Amtsträgern zählen muss, sieht er sich – doch rangniedriger – durchweg dem Konsul verpflichtet. Vor allem aber geht er nicht in den ziemlich sicher tödlichen Einsatz aus rein ideellen, übergeordneten Motiven, sondern allein für seine Familie. Er wird als besorgter Vater mehrerer Frauen und zig Kindern dargestellt, der alle Mühen und die Bürden nur für sie auf sich nimmt, damit seine Familie eine Zukunft haben kann. Er liebt das Leben – nur seiner Angehörigen. Und weil deren Hinkunft – aus nicht erklärten Gründen – nur in der Milchstraße liegen könne, geht er für sie auch über die Leiche des Residenten und nimmt billigend für deren lebenswerte Zukunft Chaos in der Gegenwart der Galaktiker in Kauf.

Indem er also das ideelle, übergroße Trajekt für sich auf die Ebene seiner Familie runterbricht, nur für die er all das tut, überhöht er wiederum diese. Darunter müssen dann alle anderen Nichtfamilienangehörigen leiden, die er rücksichtslos entwertet.

So sehr in nur dreieinhalb von zehn Kapiteln die persönlichen Handlungsmotive Cutthuneses überzeugend und mitfühlbar ausgebreitet werden, so sehr spricht sein Handeln aller Ethik und Moral Hohn. Das entlarvt ihn dadurch gleichermaßen als Fanatiker wie es die ferronischen Systemiker sind. Gleiches gesellt sich und die Richtigen finden da zusammen und ihr Ende.

Fazit zu „Mörder des Residenten“

Mit der Befürchtung langatmiger Lebensgeschichte von dem einen „Mörder des Residenten“ erwartungsarm ins Heft gestartet, bin ich sehr angetan aus diesem rausgegangen! Wir bekommen endlich mal eine sehr gute Erklärung, wieso wir gefühlsgenaue Eindrücke von Cutthuneses Einsatz bekommen – das „permanente Tagebuch“, das mittels eingepflanzter Organoide mentalgenau aufzeichnet. Wir haben genau genommen nicht einmal allzu viele dieser, von Cutthunese nur bewusst und gezielt an seinen Konsul gefunkte Aufzeichnungen. Gerade deshalb wirken sie für mich umso eindrücklicher. Hinzu treten vielmehr Erinnerungen Bulls an die Präraptische Phase, die sich nicht nur für ihn teilweise vermischen. Dadurch ist mir erst am Ende richtig klar geworden, wie Bull wirklich involviert war. Bull, der obendrein noch in aktueller Handlungszeit schwer belastet von den Erinnerungen versucht zu resümieren. Diese Melange aus Erinnertem ist für mich in Summe richtig stark erzählt worden und geht mit neuen Einsichten in das vergangene Geschehen einher. Erst jetzt werden damals (Nr. 3015 „Rapsus Terrae“) vage bleibende und da noch merkwürdig unpräzise Aussagen Bullys gegenüber Perry verständlich. Selten so elegant Lücken geschlossen und offene Fragen verwoben.

Offen geblieben nur, falls ich nichts überlas, ob und inwieweit die Cairaner in zu dem Zeitpunkt schon brodelnde Präraptische Phase involviert sind. Von Cutthunese kein mentales Fragment hierzu, der er doch ins Trajekt eingeweiht ist und daher wissen müsste, ob die bis zum Attentat schon über ein Jahrzehnt schwelenden hyperphysikalischen Irritationen im Solsystem von seinesgleichen verursacht sind oder auch ihm unbekannt sind. Meine Vermutung bleibt deshalb, dass Thesanit hier präkognitiv handeln und Terra/Luna dem vecuianischen Zugriff entzogen haben – wozu und mit welcher Mithilfe (ES?) auch immer.

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Dominic Schnettler
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Dominic Schnettler

Dominic ist Jahrgang 1985 und unterstützt unser Perry Rhodan Team mit Rezensionen zur aktuellen Perry Rhodan-Erstauflage. Darüber hinaus sucht er die Antwort nach allem, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, grokt bisher aber nichts. Liest dafür aber stetig neuentdeckte SF-Klassiker und ist in den unendlichen Weiten ganz zufrieden

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