Review: Becoming Superman (Joseph Michael Straczynski)

Lesezeit circa: 11 Minuten

Die Reise eines Schriftstellers von der Armut nach Hollywood mit Zwischenhalte bei Mord, Wahnsinn, Chaos, Filmstars, Kulte, Slums, Soziopathen und Kriegsverbrechen

Wer bist Du?

Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren stehen in der Regel nicht im Mittelpunkt, wenn man über die Filme oder Serien diskutiert. Man kennt die Schauspieler:innen, die Regisseur:innen und vielleicht noch die Menschen, die Filmmusik machen. Aber die Leute, die Drehbücher schreiben? Innerhalb des entsprechenden Fandoms ist das natürlich anders, aber darüber hinaus sind diese Leute unbekannt.

Joseph Michael Straczynski – kurz JMS – ist so ein Drehbuchautor. Er hat einige Fernsehserien erschaffen und Drehbücher für Filme und Serienfolgen geschrieben. 2019 veröffentlichte er seine Autobiografie Becoming Superman und so haben wir die seltene Gelegenheit, in den Arbeitsalltag und die Ärgernisse eines Drehbuchautors und Serienproduzenten hineinzuschauen. Wenn ihr Fans von Babylon 5, Jeremiah oder Sense 8 seid, dann werden viele Geschichten aus diesen Serien klarer und man erkennt, dass in vielen von ihnen die Gedanken und Lebenserfahrungen von JMS stecken.
Das Buch ist nicht in deutscher Sprache erhältlich, man muss es schon auf englisch lesen oder es sich auf englisch von Londo-Darsteller Peter Jurasik vorlesen lassen.

Bevor JMS, geboren am 17. Juli 1954, zu seinem eigenen Leben kommt, erzählt er zunächst von seinen Großeltern und Eltern. Dieser Teil nimmt schon recht viel in der Autobiografie ein und man braucht etwas Geduld, wenn man sich nur für den Fernsehmenschen Straczynski interessiert. Aber wer wissen will, wer JMS ist, muss auch seine Vorfahren einordnen.
Seine Großeltern kommen aus Belarus und waren nach der russischen Oktoberrevolution in die USA ausgewandert. JMS hatte zeitlebens ein sehr schlechtes Verhältnis zu seinen Eltern, seinen Vater Charles Straczynski hasste er so sehr, dass er sich über dessen Tod im Jahre 2011 regelrecht gefreut hat. JMS erfährt über die Jahre Hintergründe über das Leben seines Vaters, der nach Polen zurückgekehrt war und zu einem Nazikolaborateur wurde und sich aus Spaß an der Ermordung von Jüdinnen und Juden beteiligte. Nach dem Krieg befürchtete sein Vater von Überlebenden erkannt und als Nazi festgenommen zu werden. Deshalb zog die Familie auch sehr oft um.

JMS nabelte sich sehr früh von seiner Familie ab und studierte an der San Diego State University Psychologie und Soziologie. Er begann, für die Studierendenzeitung „The Daily Aztek“ zu schreiben. Ähnlich wie später bei Babylon 5, dominierten seine Texte bald die ganze Zeitung, weshalb man sie scherzhaft „The Daily Joe“ nannte. Hier lernte er 1981 seine spätere Ehefrau Kathryn M. Drennan kennen. Er schrieb während seines Studiums schon erste Theaterstücke und Hörspieldrehbücher, unter anderem für die Radio-Space-Opera „Alien Worlds“.

Er begann, für verschiedene Zeitungen zu schreiben und zog mit Kathryn nach Los Angeles. Eines Tages sagte eine weibliche Chefredakteurin zu ihm, bezüglich eines Zeitungsartikels: „Vergewaltigungen sind immer gut.“ Diese Aussage war für ihn der Anlass, den Journalismus an den Nagel zu hängen und Geschichtenerzähler zu werden.

Was willst Du?

1984 schrieb er erste Drehbücher für die Animationsserie He-Man And the Maters of the Universe. Hier lernte er Larry DeTillio kennen, der später auch bei Babylon 5 mitwirken sollte. JMS beschreibt in seiner Autobiografie, wie frustrierend die Arbeiten bei He-Man, She-Ra und später The Real Ghostbusters waren. Immer wieder kam es zu Konflikten mit der Produktion oder einem Fernsehsender und immer wieder warf JMS ein Projekt hin. Sein Agent warnte ihn, sich nicht den Ruf einzuhandeln „schwierig“ zu sein, sonst würde er keine Aufträge mehr bekommen. 1987 wurde JMS dann Story Editor für die Science-Fiction-Serie Captain Power and the Soldiers of the Future. Für diese Serie erdachte sich JMS einen Handlungsbogen, der über die ganze Staffel erzählt werden sollte. So etwas hatte es außerhalb von Soaps noch nicht gegeben. Bei dieser Serie lernte er Douglas Netter kennen, der später mit ihm Babylon 5 produzieren sollte.

Die Serie war sehr stark aufs Merchandising ausgerichtet, und JMS war angehalten, dieses in der Serie zur Geltung zu bringen. Für die zweite Staffel wollte die Spielzeugfirma Mattel mehr Einfluss auf die Serie, wogegen sich JMS verweigert. Über weitere Serien landete JMS schließlich bei Mord ist ihr Hobby, eine Krimiserie mit Angela Lansbury. Diese war einst eine quotenstarke Serie, war dann aber ins Mittelfeld abgerutscht. Es gelang JMS, sie wieder unter die Top 10 zu bringen.

Während der letzten Jahre spukte in JMS die Idee für zwei eigene Science-Fiction-Serien im Kopf herum. In der einen sollte es um eine Weltraumstation gehen, eine Art Stadt im All. Für die andere Serie schwebte ihm eine Geschichte über mehrere Sternenreiche vor, die schließlich in einen Krieg gestürzt werden. Irgendwann merkte er, dass diese beiden Geschichten besser funktionierten, wenn er sie miteinander verband. Und so schuf er den Handlungsrahmen für die Serie Babylon 5. Er stellte das Konzept unter anderem auch Paramount vor, die nach Prüfung seiner Unterlangen das Projekt ablehnten. Warner Brothers dagegen wollte die Serie als Flaggschiff für ihr neues „Prime Time Entertainment Network“. JMS bekam grünes Licht für einen Pilotfilm und danach passierte erst einmal gar nichts. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis der Film einem Testpublikum gezeigt wurde. Und dann verging wieder Zeit bis PTEN endlich grünes Licht für die erste Staffel gab.

JMS konnte nicht ahnen – er erfuhr es erst viele Jahre später – dass es zu dieser Zeit Verhandlungen zwischen Warner Brothers und Paramount gab, um einen gemeinsamen Fernsehsender aufzubauen. Paramount, die das Babylon 5 Konzept kannten, meinten bei den Verhandlungen, dass es unklug sei, wenn auf dem Sender zwei unabhängige Weltraumfranchises laufen würden. Es wäre doch besser, man würde dieses Babylon 5 in das Star Trek-Universum integrieren.  Es wurde ein Anwalt beauftragt, der all jene Elemente aus Babylon 5 heraussuchen sollte, die man in einer Star Trek-Serie gut gebrauchen konnte: Eine für Handel und Diplomatie ausgerichtete Raumstation, ein weiblicher erster Offizier, zwei sich spinnefeindliche Alienspezies … Der gemeinsame Sender kam nicht zustande, aber Paramount war sich wohl nicht zu schade, aus den mit Warner im Einvernehmen herausgesuchten Handlungselementen eine eigene Fernsehserie zu schaffen: Star Trek – Deep Space Nine.

Von all dem wusste JMS damals nichts und er fiel aus allen Wolken, als er erfuhr, dass Paramount sein Deep Space Nine ankündigte. Er vermutete damals, wie viele Fans auch, dass Paramount die alten Unterlagen, die JMS bei ihnen eingereicht hatte, zu Deep Space Nine umgeschrieben habe. Dass selbst Warner ihn übers Ohr hauen wollte, hatte er erst später erfahren.

In „Becoming Superman“ beschreibt JMS ausführlich die Hintergründe und wie er dennoch stolz darüber war, wie erfolgreich Babylon 5 dann geworden ist. Auch die Hintergründe über den Ausstieg von Michael O’Hare führt er ehrlich und offen aus. Als PTEN dann eingestellt wurde und Babylon 5 mit der 5. Staffel zu TNT wechselte, bekam er die Chance, einige zusätzliche TV-Filme und eine Spin-Off-Serie zu produzieren. Aber dieser Glücksmoment hielt nur kurz an. Als auf TNT die Wiederholungen von Babylon 5 und die neue 5. Staffel liefen, merkte der Sender, dass man zwar neue Zuschauer gewonnen hatte, diese aber außer den Babylon 5 Sachen nichts anderes auf TNT schauten. Man wollte aber neue Zuschauer, die dann auch das andere Programm des Senders sehen wollten. Deshalb entschied man ganz schnell, die Spin Off Serie Babylon 5 – Crusade wieder abzusetzen. Das war auch der Zeitpunkt, zu dem sich J. Michael Straczynski von seiner Frau Kathryn M. Drennan scheiden ließ. Das Paar hatte sich auseinandergelebt, blieb aber weiterhin freundschaftlich miteinander verbunden. JMS versuchte es noch einmal bei SciFi und produzierte einen möglichen Pilotfilm Legends of the Rangers. Aber das Interesse reichte nicht mehr für eine Fernsehserie.

Wohin gehst Du?

Das vorläufige Ende für JMS’ Fernsehkarriere kam dann mit Jeremiah. Für den PayTV-Sender Showtime erschuf er die auf den Comics von Hermann Huppen basierende postapokalyptische Serie. Hier stand JMS mitten in einem Konflikt zwischen Showtime und MGM. Showtime wollte für seinen PayTV eine harte Action Serie, bei der es zur Sache geht. MGM dagegen wollte eine Serie, die man nach Ausstrahlung auf Showtime auch noch im Free TV zeigen konnte und entsprechend weniger hart sein sollte. Nur mit Widerwillen konnte sich JMS zu einer zweiten Staffel hinreißen lassen, um dann am Ende die Brocken hinzuwerfen.

Nun hatte JMS wohl doch einmal zu oft ein Projekt hingeschmissen. Er bekam keine Aufträge mehr, niemand aus der Fernsehbranche wollte noch mit ihm zusammenarbeiten. Nun galt er also doch als „schwierig“. Er schrieb diverse Stories für Marvels Superheldencomics, um schließlich über alte Dokumente aus seiner Journalistenzeit zu stolpern. 1928 missbrauchte und vergewaltigte Gordon Stewart Northcott möglicherweise 20 Jungen und ermordete sie in seinem Hühnerstall. Einer der Jungen war Walter Collins, der von seiner Mutter schnell als vermisst gemeldet worden war. Nach einem halben Jahr wurde ihr Sohn scheinbar gefunden, ein völlig fremder Junge hatte sich als Walter ausgegeben. Doch die Polizei glaubte der Mutter nicht und sperrte sie in eine psychiatrische Klinik ein.

Aus diesen Ereignissen schrieb JMS ein Drehbuch für einen Kinofilm, der dann als Changeling (deutsch Der fremde Sohn) von Clint Eastwood mit Angelina Jolie verfilmt wurde. In seiner Biografie erzählt JMS, wie er 1983 erstmals mit dem Fall konfrontiert wurde und wie er nach Jeremiah anfing, das Drehbuch in nur 53 Stunden zu schreiben. In diesem Skript steckt vielleicht mehr von JMS als in all seinen anderen Drehbüchern. Und dieser Film brachte JMS aus seiner „Verbannung“ heraus. Nun bekam er wieder jede Menge Aufträge. So schrieb er für Thor und trat in diesem Film erstmals seit der B5 Episode „Sleeping in Light“ für einen Cameo-Auftritt vor die Kamera. In World War Z ließ er Brad Pitt gegen Zombies kämpfen. Und auch das Fernsehen kam wieder auf ihn zu. Für Netflix schrieb er mit den Wachowskis die Serie Sense 8.

JMS nennt sein Buch „Becoming Superman“, weil er sich den Superhelden gewissermaßen als Vorbild nahm. Er war schon als Kind Superman-Fan gewesen und irgendwann entdeckte er, dass man mit Worten andere Menschen bewegen konnte. In seiner Vorstellung machte das vielleicht den Charakter von Superman aus: Als Clark Kent mit Worten die Welt zu verändern. Er selbst hatte sich einst als Journalist und Reporter versucht, bis er als Geschichtenerzähler endete. Schließlich bekam er von DC Comics den Auftrag, ihren Superman zu überarbeiten. Und so erschuf JMS mit Superman Earth 1 einen modernen Superhelden. Jetzt IST er Superman.

JMS wird in vielen Stellen seiner Lebensgeschichte sehr persönlich. Er beschreibt sein Verhältnis zu Michael O’Hare und dessen Krankheit. O’Hare bat Straczynski, dieser möge die Hintergründe über den Ausstieg aus B5 nach seinem Tod bekannt machen. Auch über Jeff Conaway, Jerry Doyle und Richard Biggs schreibt er sehr persönliche Worte. Stephen Furst kommt vielleicht etwas zu kurz. Am bewegendsten ist der Abschied von Andreas Katsulas. Katsulas hatte JMS und Peter Jurasik eingeladen, um sich von ihnen zu verabschieden. Hier meint man auch Vorleser Peter Jurasik schlucken zu hören, die Stelle ging ihm hörbar nahe.

Als JMS dann einen Mailwechsel mit seinem Vater wiedergibt, wird es wirklich unschön. Man fühlt sich hier als Leser:in in einem Forum, in dem sich zwei Personen auf das Übelste angehen. Und genau, wie man in diesem Forum die beiden Streithähne und Streithennen auffordern möchte, den Streit unter vier Augen zu halten, so fühlt man hier, da man das ganze nicht so genau lesen will. Allerdings war Charles Straczynski wohl ein so unangenehmer Mensch, dass man fühlt, wie sich JMS nach dieser Offenbarung besser und befreit fühlt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Mörder in Der fremde Sohn einige Eigenschaften hat, die JMS in seinem Vater gesehen hat.

Becoming SupermanAutor: Joe Michael Straczynski
Titel: Becoming Superman
Verlag: Harper Collins
Erschienen: 07/2019
480 Seiten
Hörbuchfassung über 16 Stunden, gelesen von Peter Jurasik

 

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Dirk Wilkens-Hagenkötter
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